Über Staubsaugerbeutel und den toten Winkel

Internet ermöglicht es mir, sehr schnell alle möglichen Informationen zu recherchieren. Dabei interessieren mich derzeit vorrangig die Bereiche Programmierung, Büromanagement und Fotografie. So bewege ich mich also per Mausklick mehrmals die Woche virtuell zwischen verschiedenen Fach-Foren hin und her oder lasse mich von seelenfarben.de oder der fotocommunity.de mit Vergnügen verführen.

Dank DSL, neuer Rechenpower und Flatrate blättere ich seit kurzem in Foto-Web-Seiten ähnlich komfortabel und entspannt, wie in einem echten Foto-Album. Und dann bemerke auch ich dieses Phänomen der digitalen Fotografie, die mitunter Bilder liefert, bei denen man hinterher am Monitor mehr Details erkennt, als man vorher real wahrgenommen hatte. Aber irgendwie ist es schon verrückt, wie schnell sich alles entwickelt, verändert - das eben erst erworbene Equipment gleich wieder musealen Charakter annimmt.

Auch sonst bekommt man selten noch Zubehör zu älteren Geräten. Und von alt ist schon die Rede, wenn der Drucker 3 Jahre in Betrieb ist oder der Staubsauger gar 8 Jahre. Da wird es zur Herausforderung, noch eine Packung Beutel erwerben zu wollen, wie ich erst kürzlich feststellen durfte. Mit meiner Staubsaugerbeutel-Nummer - wer sie mal vergessen hat, kann unter http://www.kunnig-elektro.de/beutel/beutel.htm nachsehen - steuerte ich siegessicher den ersten Verkäufer an. Dieser nahm dann einen riesigen Katalog zu Hilfe, in welchem er mit angestrengtem Gesichtsausdruck minutenlang blätterte, mich vorwurfsvoll ansah - so als kämen mein Staubsauger und ich aus der Steinzeit - und dann meinte, diese alten Beutel könne er nur bei einer Abnahmemenge von 100 Stück ordern, da bei nur zwei Packungen zu hohe Liefergebühren anfielen. Außerdem sei ein neuer Staubsauger ja gerade im Sonderangebot! - Den alten wollte ich aber nicht wegwerfen, weil er noch super funktioniert. Und ausserdem möchte ich nicht dauernd unnötig Müll produzieren. Welch wundersame Probleme bringt doch die moderne Zuvielisation mit sich…

blaue stundeIch merke wieder, zu rasche Veränderungen liegen mir mitunter überhaupt nicht. Sie geben mir das Gefühl, als müßte ich mich selbst überholen. Der moderne Alltag verlangt nicht selten nach schnellen Entschlüssen und Handlungen, die dem Lauschen auf die ureigensten Befindlichkeiten nur wenig Raum lassen. ALLES kann SOFORT erworben werden, ist man erst bereit das GELD dafür auszugeben. Fast hätte ich mir einen neuen Staubsauger gekauft, weil das mit weniger Aufwand möglich war, als die langwierige Suche nach diesem banalen Zubehör. Dabei lassen sich solche Filtertütchen für ältere Staubsaugermodelle problemlos auch aus Zeitungspapier basteln, wie ich inzwischen herausfand. Die Lösung liegt manchmal so nah, daß man sie einfach nicht sehen kann. ;-) Da frag ich mich, was liegt da noch so alles im “toten Winkel”?

Die Marktwirtschaft ist frei, ich glaube gelegentlich, es auch zu sein und habe mich gegen den Staubsauger und fürs neue Computerequipment entschieden. Ein langjähriger Computer-Kollege baute das motherboard ein, während ich mich bemühte, das Kabelgewirr von 2 PC´s, Drucker, Scanner, einer Telefonanlage, nebst “Eumex”, Anrufbeantworter, Splitter und DSL-Modem zu bändigen. Mein Umstieg auf ISDN und DSL brachte leider auch 1 ganze Woche völlige Abtrennung vom Telefonnetz mit sich. Zunächst war es noch möglich, wenigstens selbst zu telefonieren, es kamen “nur” keine Anrufe mehr herein. Wir bekamen jeden Tag die Auskunft, dass der Fehler in den nächsten Stunden behoben sein wird, doch leider passierte nichts. Nach weiteren 3 Tagen wußten wir dann - jetzt arbeiten sie dran, denn wir konnten nun auch nicht mehr nach draußen telefonieren. :-( Das hielt dann nochmal 3 Tage an.

Anscheinend haben wir eine Stufe des Wirtschaftens erreicht, auf der die Vielfalt der Möglichkeiten alles komplizierter macht, anstatt einfacher. Der Markt ist so von Produkten und Dienstleistungen übersättigt, dass immer mehr Strategien mit immer höherem Aufwand entwickelt werden (müssen?), die dem Kunden suggerieren, hier wird ganz besonders individuell auf seine Bedürfnisse eingegangen. Statt gutem Service fühle ich mich nicht selten Automatismen und Standardfloskeln ausgesetzt.

Was wäre, wenn alle ihr Denken und Handeln an dauerhaften menschlichen Zielen orientieren würden und sich stets darum bemühten die Ursachen von Mißverständnissen aus dem Weg zu räumen?

Ina, Dezember 2003

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