Archiv für den Monat: März 2004

Warum nicht einfach sein was ich bin und tun, was ich möchte?

Vorsicht – der folgende Text kann Gedankensprünge enthalten, viele Fragen aufwerfen, ohne Antworten zu geben und muss jetzt einfach mal “raus”. Für die Autorin besteht die begründete Hoffnung, durch derartige Absonderungen im Netz Raum für neue, jedoch vermutlich nicht weniger verwirrende Gedankengänge zu schaffen.

Wer kennt nicht diese Vexierbilder, bei denen je nach Betrachtungsweise, mal das eine und mal das andere Motiv sichtbar wird? Haben wir das erst einmal entdeckt, dann WISSEN wir, dass es diese 2 Sehweisen gibt und können beliebig zwischen diesen beiden Möglichkeiten hin und her schalten – beides gleichzeitig wahrzunehmen funktioniert nicht. Wieso eigentlich nicht?

Wir befinden uns in einem Interpretationssystem. Innerhalb dieses Systems sehen wir nur das, was wir gelernt haben zu sehen. Ein Eskimo z.B. sieht, dass da ein Eisbär steht, vor dem Weiß des Eisberges. Es ist ihm im Gegensatz zu uns Europäern möglich eine unglaubliche Vielzahl an Weißtönen zu unterscheiden.

Wir hören z.B. eine Sturmwarnung im Radio. Und schon übersetzt jeder mit seinem eigenen Interpretationssystem. Bei mir war das bis zum 10.7.2002 etwas so: Sturm – das ist das, was meinen Regenschirm nach oben umklappen lässt, nicht weiter bedrohlich also.

An besagtem Tag im Sommer 2002 hörte ich eine Sturmwarnung im Radio. Ich kann mich noch ganz genau an diesen Tag erinnern, denn ich hatte Karten für ein Open-Air-Konzert am Berliner Dom. Mit mir saßen Hunderte fröhlicher Menschen auf der Wiese. Viele hatten Picknick-Körbe mitgebracht.

Plötzlich nahm der Himmel eine grünlich-schwarze Färbung an. Die Vögel flogen auffallend unruhig umher.  Schon hörte man von allen Seiten „das ist ja wie bei Hitchcock!“. Obwohl es drückend warm war und die Färbung des Himmels zunehmend unheimlicher wurde, verhielten sich die meisten Anwesenden ganz cool, so als sei dieser bedrohliche Himmel  Teil der Bühnenshow.

In Sekundenschnelle wandelte sich dann das Bild. Wie aus dem Nichts waren da plötzlich Windböen von ungeahnter Kraft. Was war das? Es war fast unmöglich nur wenige Schritte zu gehen, um in den Windschatten einer gegenüber liegenden Mauer zu gelangen. Der Sturm war einfach da, ohne das man seine Richtung hätte bestimmen können. Der Sand, der plötzlich in Nase, Augen und Mund klebte, war nur das geringste Übel. Ich dachte und hoffte: wenn nur die Bäume nicht brechen würden.

Hunderte Menschen standen eng aneinandergedrängt hinter den Mauern des Berliner Doms. Wir erlebten gerade eine Windhose, die über die Stadt fegte. Es gab Verletzte, auch Tote, wie wir später aus den Nachrichten erfuhren. Auf dem Heimweg sahen wir die vielen Verwüstungen, die dieser kurze Moment angerichtet hatte. Hier ein Amateurvideo und ein Bericht vom Berliner Meteorologen Christoph Gatzen. Ich erinnere mich heute noch ganz genau an dieses Gefühl. Ich hatte Angst und war doch zugleich auch auf eine schaurige Art fasziniert von der so nah und stark gespürten Naturkraft. Ich hatte in diesem Moment etwas erlebt, was ich bisher so nicht kannte. Die Vokabel “Sturm” wurde durch diese ERFAHRUNG sehr eindringlich mit einer neue Bedeutung überschrieben.

Sein dürfen, wie ich bin. Mensch sein. Wer reduziert uns eigentlich auf so Banales wie: jung, flexibel, gesund, mobil, erfolgreich, pünktlich, Mann, Frau…

Neulich im Buchladen konnte ich mich nicht entscheiden, welches Buch ich nehmen sollte, meine Unentschlossenheit muss wohl einem Mann aufgefallen sein, denn er kam auf mich zu und sprach mich an, da er eines der von mir ausgewählten Bücher auch gelesen hatte und es gerne weiterempfehlen wollte. Als er näher kam und ich seine Stimme hörte, war ich mir nicht mehr sicher, ob es ein Mann war, der da jetzt neben mir stand oder eine Frau. Er hatte große kräftige Hände und sein Gang war eher maskulin, seine Stimme dagegen sehr sanft wie auch die Gesichtszüge, jetzt aus der Nähe betrachtet, eher denen einer Frau glichen.

Wieso lief da dieser Automatismus in mir ab und wollte beharrlich das Gesehene entweder in der Schublade “Mann” oder jener mit der Aufschrift “Frau” ablegen??? Wieso stößt das, was wir nicht kennen, oft auf Widerstand, will verstandesmäßig definiert sein, anstatt einfach nur angenommen werden?

Wieso ist es ein eher seltenes Glück geworden, in der Arbeitswelt, seine eigenen Stärken und ja auch die Schwächen leben zu können. Mir selbst ist es in den zurückliegenden Jahren immer wichtiger geworden mitzuentscheiden, mit wem ich zusammen arbeite, wird mein Denken und Handeln doch zu einem ganz entscheidenden Anteil auch davon mitgetragen, mit wem ich meine Ideen teile.

Wer mit Farben experimentiert, wird vielleicht erlebt haben, wie stark Farben zueinander in Wechselwirkung treten. Die Intensität der einen Farbe kann schwächer oder stärker in Erscheinung treten, je nachdem mit welcher anderen Farbe sie in Verbindung gebracht wird.

Wir bewegen uns alle mehr oder weniger in unseren eigenen Mustern und Vorstellungen, verfangen uns gelegentlich in gegenseitigen Projektionen und rennen gegen Mauern, obgleich da doch schon immer eine Tür war, die wir nur bisher noch nicht gesehen haben. Wie oft klicken wir uns nicht auch schon im “wirklichen Leben” einfach weg von den eigenen Realitäten, von Fragen und Themen, die uns eigentlich Priorität sein sollten. Viele Fragen und Gedankensprünge mal wieder. Ich weiß. Ich hatte ja eingangs davor gewarnt.

Mein Fazit fürs Erste: Es ist entgegen der weit verbreiteten Meinung sehr mutig, sich auch schwach, unsicher, verletzlich und empfindsam zeigen zu dürfen. Erst diese Eigenschaften machen uns wirklich lebendig. Laotse hat dazu folgendes gesagt:

Schwäche ist stark
Stärke ist nichts.
Wenn der Mensch geboren wird –
ist er schwach und weich, wenn –
er stirbt, ist er stark und hart.
Wenn ein Baum heranwächst,
ist er weich und zart und wenn
er trocken und hart wird
stirbt er ab.
Härte und Kraft sind
die Begleiter des Todes.
Darum wird das Harte
niemals siegreich sein.