Warum nicht einfach sein, was ich bin, und tun, was ich möchte?

GesichtWas siehst Du auf diesem Bild? Ein Gesicht oder zwei Gesichter im Profil? Es gibt hier 2 mögliche Sehweisen. Wenn wir es einmal entdeckt haben, dann WISSEN wir, daß es diese 2 Sehweisen gibt und wir betätigen eine Art Schalter im Gehirn, um zwischen diesen beiden Möglichkeiten hin und her zu schalten - beides gleichzeitig wahrzunehmen entzieht sich unseren Möglichkeiten. Wieso eigentlich?

Wir befinden uns in einem Interpretationssystem. Innerhalb dieses Systems sehen wir nur das, was wir gelernt haben zu sehen. Ein Eskimo z.B. sieht, dass da ein Eisbär steht, vor dem Weiß des Eisberges. Es ist ihm im Gegensatz zu uns möglich eine unendliche Vielzahl an Weißtönen zu unterscheiden.

Wir hören z.B. eine Sturmwarnung im Radio. Und schon übersetzt jeder mit seinem eigenen Interpretationssystem. Sturm – das ist das, was die Zweige von den Bäumen brechen oder meinen Regenschirm nach oben umklappen läßt, nichts Schlimmes also.

Vor einigen Jahren im Sommer gab es auch eine Sturmwarnung. Ich hatte mich an diesem Tag mit meiner Freundin vor dem Berliner Dom verabredet. Dort fand ein Open-Air-Konzert statt und mit uns saßen Hunderte fröhlicher Menschen auf der Wiese mit ihren Picknick-Körben.

Plötzlich nahm der Himmel eine grün-schwarze Färbung an. Die Vögel flogen unruhig umher. Wir machten Witze. Obwohl es drückend warm war und die Färbung des Himmels zunehmend unheimlicher wurde, verhielten wir uns ganz cool, so als sei dies hier, neben dem Konzert und der Light-Show ein geplantes Natur-Event.

In Sekundenschnelle wandelte sich das Bild. Wie aus dem Nichts waren da plötzlich Windböen von ungeahnter Kraft. Was war das? Es war fast unmöglich die wenigen Schritte zu gehen, um in den Windschatten einer sicheren Wand zu gelangen. Der Sturm war einfach da, ohne das man seine Richtung hätte beschreiben können. Der Sand, der plötzlich in Nase, Augen und Mund klebte, war nur das geringste Übel, ich dachte und hoffte: wenn nur die Bäume nicht brechen würden.

Jeder von uns blieb ganz allein in diesem Moment obwohl wir so dicht es nur möglich war zu Hunderten aneinandergedrängt hinter den Mauern des Berliner Doms Schutz suchten. Wir erlebten eine Windhose, die über die Stadt fegte. Es gab Verletzte, auch Tote, wie wir später aus den Nachrichten erfuhren. Auf dem Heimweg sahen wir die vielen Verwüstungen, die dieser kurze Moment angerichtet hatte. Hier ein Amateurvideo und ein Bericht vom Berliner Meteorologen Christoph Gatzen. Ich erinnere mich heute noch ganz genau an dieses Gefühl. Ich hatte Angst und war zugleich fasziniert von der so nah und stark gespürten Naturkraft. Ich hatte in diesem Moment etwas erlebt, was ich bisher so nicht kannte. Der Begriff “Sturm” hatte eine neue Bedeutung ERFAHREN.

Sein dürfen, wie ich bin. Mensch sein. Wer reduziert uns eigentlich auf so Banales wie: jung, flexibel, gesund, mobil, erfolgreich, pünktlich, Mann, Frau…

Neulich im Buchladen konnte ich mich nicht entscheiden, welches Buch ich nehmen sollte, meine Unentschlossenheit muß wohl einem Mann aufgefallen sein, denn er kam auf mich zu und sprach mich an, da er eines der von mir ausgewählten Bücher auch gelesen hatte und es gerne weiterempfehlen wollte. Als er näher kam und ich seine Stimme hörte, war ich mir nicht mehr sicher, ob es ein Mann war, der da jetzt neben mir stand oder eine Frau. Er hatte große kräftige Hände und sein Gang war eher maskulin, seine Stimme dagegen sehr sanft wie auch die Gesichtszüge, jetzt aus der Nähe betrachtet, eher denen einer Frau entsprachen.

Wieso lief da dieser Automatismus in mir ab und wollte beharrlich das Gesehene entweder in der Schublade “Mann” oder jener mit der Aufschrift “Frau” ablegen??? Wieso stößt das, was wir nicht kennen, oft auf Widerstand, will kopfmäßig definiert sein, anstatt einfach nur angenommen zu werden?

Wieso ist es ein eher seltenes Glück geworden, in der Arbeitswelt, seine eigenen Stärken und Schwächen leben zu können. Mir selbst ist es in den zurückliegenden Jahren immer wichtiger geworden mitzuentscheiden, mit wem ich zusammen arbeite, wird mein Denken und Handelns auch zu einem entscheidenden Anteil davon mitgetragen, mit wem ich in Austausch trete.

Wer mit Farben experimentiert hat, wird vielleicht erlebt haben, wie stark Farben zueinander in Wechselwirkung stehen. Die Intensität der einen Farbe kann schwächer oder stärker in Erscheinung treten, je nachdem mit welcher anderen Farbe sie in Verbindung gebracht wird.

Wir bewegen uns alle mehr oder weniger in unseren eigenen Mustern und Vorstellungen, verfangen uns gelegentlich in gegenseitigen Projektionen und rennen gegen Mauern, obgleich da doch schon immer eine Tür war, die wir nur nie gesehen haben. Wie oft klicken wir uns nicht auch schon im “wirklichen Leben” einfach weg von den eigenen Realitäten, von Fragen und Themen, die uns eigentlich Priorität sein sollten.

Ich finde es jedenfalls sehr real, auch schwach, unsicher und verletzlich und empfindsam sein zu dürfen. Laotse hat dazu folgendes gesagt:

Schwäche ist stark
Stärke ist nichts.
Wenn der Mensch geboren wird –
ist er schwach und weich, wenn –
er stirbt, ist er stark und hart.
Wenn ein Baum heranwächst,
ist er weich und zart und wenn
er trocken und hart wird
stirbt er ab.
Härte und Kraft sind
die Begleiter des Todes.
Darum wird das Harte
niemals siegreich sein.

Ina im März 2004

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3 Kommentare to “Warum nicht einfach sein, was ich bin, und tun, was ich möchte?”

  1. coalaX Says:

    “Was siehst Du auf diesem Bild? Ein Gesicht oder zwei Gesichter im Profil? Es gibt hier 2 mögliche Sehweisen. Wenn wir es einmal entdeckt haben, dann WISSEN wir, daß es diese 2 Sehweisen gibt und wir betätigen eine Art Schalter im Gehirn, um zwischen diesen beiden Möglichkeiten hin und her zu schalten - beides gleichzeitig wahrzunehmen entzieht sich unseren Möglichkeiten. Wieso eigentlich?”

    dieses “Entweder - Oder” kenne ich auch von der Musik. Ich spiele seit einigen Jahren Klavier. Mitunter gelingt es mir beim Spielen, ganz in der Musik aufzugehen. Wenn ich dann aber gleichzeitig kontrollieren will, was ich da spiele, geht das nicht. Sobald sich der Verstand einschaltet, falle ich aus meinem Spielfluß und die Magie ist futsch.

    Magie kennt keine Schubladen und keine Kontrolle.

    Lieben Gruß
    coalaX

  2. NLP Würzburg Says:

    Wahrnehmung ist immer wieder verblüffend und ist nicht nur von der beschriebenen Konditionierung abhängig, sondern auch vom persönlichen Zustand.
    Vielen Dank für die schönen Zeilen zu Härte und Kraft!

  3. ein Mensch Says:

    Ich habe das alles gründlich gelesen….das stimmt alles es hat mich ans herzen getrofen warum?…weil ein mensch vor wahrheiten immer angst hat jawohl immer! warum hat die menscheit vor wahrheiten angst???weil man nie weiß, was morgen passieren kann…und man von fehlern lernt manchmal ist das leicht aber manchmal ist das schwer…..

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