Ignoranz in der Großstadt

Beim Aufräumen und Sortieren meines Schreibtisches, fand ich einige Zeilen, die ich im Dezember 2001 geschrieben hatte und ich merke sofort, wie mich beim Lesen die ganze Beklemmung längst zurückliegender Tage wieder einholt.

KurzzugWas war geschehen: Die Mieter eines Hauses rufen Polizei und Feuerwehr, da seit Tagen ein unangenehmer Geruch im Treppenhaus liegt und sich dicke Fliegen (es ist Ende November)  zahlreich niederlassen. Ein Toter wird gefunden, süßlich beißender Geruch zwingt einen, ein Tuch vor den Mund zu halten und die Angst vor Schrecklichem lässt einen das Gesicht abwenden. Der Mann muß da schon seit einigen Wochen liegen, sagt einer der Polizisten. Hat ihn niemand vermisst? So oder ähnlich spielt es sich täglich in unseren Großstädten ab, ohne dass wir davon eine Ahnung haben.

Ich hatte seit über einem Jahr in diesem Haus gewohnt. Gesehen hatte ich meinen Nachbarn noch nie. Man kannte einander kaum.

Ich versuche, mich zu erinnern an diesen Mann, der über mir gewohnt hat. Nein, ich habe ihn nicht gekannt, nicht einmal bewusst wahrgenommen. Vor wenigen Wochen, als ich vielleicht auch gerade in meiner Wohnung war, hat er sich das Leben genommen. Dann lag er dort, genau einen Meter über mir, von mir getrennt nur durch eine Wand. Was ist schon eine Wand? Irgendwie ist doch jede Mauer porös. Ich frage mich, ob ich es nicht gespürt habe, seine Angst, sein Unglück, seinen Tod?

Im Treppenhaus stehen noch immer die Feuerwehrleute, ein Arzt wird gerufen und durch Zufall höre ich, wie das Wort „Seuchengefahr“ fällt. Ich will wissen, was das zu bedeuten hat, bekomme aber keine zufriedenstellende Antwort. Ich soll wieder in meine Wohnung gehen und alles sei in Ordnung. Noch in der Nacht befrage ich die Nachbarn. Ja, der Mann hatte eine offenen Tuberkulose. Alle dachten, er sei wohl wieder im Krankenhaus.

Inzwischen ist es früh um 6 Uhr. Ich gehe müde zur Arbeit. Als ich abends nach Hause komme, sind mehr Fliegen als am Vortag im Treppenhaus und in meiner Wohnung. Das verstehe ich nicht, denn ich bin davon ausgegangen, dass nach einem Todesfall mit Seuchengefahr die betroffene Wohnung sofort desinfiziert wird. Da das nicht geschehen ist, informiere ich den Hausmeister und setze eine Reihe von „Ich-bin-nicht-zuständig-Bekundungen“ in Gang. Derweil vermehren sich die Fliegen in meiner Wohnung. Die Wohnung ist sehr klein, ein Ausweichen in ein anderes Zimmer ist nicht möglich. Ich bin besorgt wegen der Tuberkulose und befrage eine Ärztin. Uns ist nicht klar, ob eine Ansteckung über die Luftschächte, die sich in Neubauten befinden, möglich ist.

Warschauer BrückeDie Mieter des Hauses sind verunsichert. In mehreren Wohnungen werden Maden gefunden. Ein Mieter ist besorgt wegen seiner Katze, die  nun auch diese Fliegen frißt. Andere Mieter waren bei ihrem Hausarzt und haben einen TBC-Test machen lassen. Ich rufe bei der TBC-Stelle an. Dort erfahre ich, dass der Erkrankte einer Meldepflicht nachkommen mußte und da er zu den Untersuchungsterminen nicht erschienen ist, wurde nach ihm eine Fahndung ausgerufen. ??? Ich mache darauf aufmerksam, dass die betroffene Wohnung noch nicht desinfiziert wurde und auch dort werde ich an die zuständige Polizeistelle weiterverwiesen. Jetzt platzt mir der Kragen. Ich will, dass sofort desinfiziert wird! Die Hausverwaltung, Hausmeister, Polizei, TBC-Stelle und Hygieneamt sagen, sie seien hier nicht zuständig. Die Wohnung wird in so einem Fall versiegelt und nur die Erben können eine Erlaubnis zur Räumung erteilen. Wieder nur Fragezeichen in meinem Kopf.

Ich besorge mir Fliegenbänder, sammle die Maden mit einer Pinzette aus meinem Teppich und versuche auf eigene Kosten und Initiative einen Kammerjäger zu erreichen. Inzwischen habe ich noch einmal bei der Polizei angerufen. Sie kommen jetzt mit dem Schlüssel zu der versiegelten Wohnung. Der Hausmeister ist auch da, weigert sich aber in die betroffene Wohnung zu gehen. Einen Kammerjäger erreichen wir am Freitag Abend jedoch nicht mehr.

Eine Polizistin ist die Einzige, die noch einmal in die Wohnung geht. Sie fragt mich anschließend, ob es bei mir schon durchtropft. ??? (Blut und Leichenwasser seien in den Boden eingedrungen, die Maden wandern in die Umgebung, weil das SUBSTRAT fehlt.)

Ich packe ein paar Sachen zusammen, erfrage Hotelpreise und wohne dann die nächsten 4 Wochen bei einer guten Freundin. Täglich fahre ich in meine Wohnung, um die vollen Fliegenbänder durch neue zu ersetzen, telefoniere mir die Finger wund, bitte um Unterstützung. Den Teppich habe ich komplett im Fensterbereich herausgetrennt, da sich Maden in ihm tummeln.

Bei all dem gehe ich voll arbeiten. Es ist Vorweihnachtszeit und mir wird klar, ich bin sowas wie obdachlos. Da die liebe Freundin, bei der ich vorübergehend unterkommen kann, ziemlich weit weg wohnt, suche ich nach einer Alternative. Eine Ausweichwohnung gibt es nicht, beim Sozialamt bietet man mir an in einem Asyl für alkoholabhängige Frauen unterzukommen. Am Ende bleibt es wie es ist. So mal locker umziehen und alles selbst finanzieren kann ich nicht.

HerbstblattIch merke in diesen Tagen, wie bedrohlich es sich anfühlt, keinen eigenen Lebensraum zu haben, mit einem Koffer und wenigen Kleidungsstücken hin und her zu fahren und wie schnell dies alles an meinen Kräften zehrt.

Was meine Wohnung betraf, so befand ich mich in einer Art „Unzustand“, für den es keinen Ablaufplan gab. Schalten zu feste Strukturen den „gesunden Menschenverstandes“ aus, verhindern Naheliegendes? Es wurde sehr viel geredet aber letztlich nur darüber, warum man da nicht zuständig sei und jetzt nichts machen könne.

Was mir damals sehr fehlte, war ein Moment des Innehaltens. Wo war das Gedenken an den Verstorbenen bei all den hektischen Gesprächen? Erschreckt uns gar nicht mehr, wenn ein Mensch in unmittelbarer Nähe freiwillig aus dem Leben tritt? Berührt es uns nicht, dass er von Niemandem vermisst wurde? Weichen wir aus vor unseren Ängsten, die uns beim Thema Tod befallen und verweilen lieber in Ignoranz oder Abwehrmechanismen?

Für meinen Anwalt soll ich die entstandenen Kosten auflisten. Wie beziffert sich ein entgangenes Weihnachtsfest? Werde ich hier wieder wohnen können mit dem Gedanken daran, dass in der Wohnung über mir ein Mensch wochenlang tot auf dem Boden gelegen hat? Da die notwendige Räumung so lange hat auf sich warten lassen und sich dadurch der Madenbefall auch auf meine Wohnung ausgebreitet hat, soll ein Pestizid auch hier gesprüht werden. Ich suche Rat beim Verein für Umweltchemie e.V. in Berlin (B.A.U.CH) und erfahre, dass Biozide (Schädlingsbekämpfungs-mittel) sich in Innenräumen wesentlich langsamer abbauen, als das im Freiland der Fall ist und durchaus Gesundheitsrisiken für den Raumnutzer bestehen.

Das alles liegt jetzt über 6 Jahr zurück und inzwischen wohne ich dort schon längst nicht mehr. Ich kann mich aber noch sehr deutlich an diesen Albtraum erinnern.

(CC BY-NC-SA 3.0 DE)

2 Gedanken zu „Ignoranz in der Großstadt

  1. Liebe Ina,

    bin über die Suchmaschinen hier her gekommen. Das ist schon der Hammer, was Dir da passiert ist. Aber leider ist sowas in den Großstädten wohl an der Tagesordnung.

    Moni

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