Kritisch konsumieren und produzieren
Barbara Haselboeck von mangoomangoo.de ruft zum Gedankenaustauch zum Thema “kritischer Konsum” auf und hat eine Blogparade gestartet, an der ich mich gern beteiligen möchte.
Gedanken und Thesen:
Kritischer Konsum bedeutet für mich vor allem, schon vor jeder Kaufentscheidung zu überlegen: brauche ich das wirklich? Meist lautet die Antwort ganz klar: Nein. Zum Beispiel habe ich noch einen alten Kassettenrecorder und die besten und liebsten Musiktitel habe ich auf Kassetten gespeichert. Die Hörqualität eines so alten Rekorders lässt sich sicher nicht mit der Klangfaszination modernster Sound-Systeme vergleichen, dennoch: Ich liebe es. Die Titel habe ich genau in dieser Reihenfolge vor 20 Jahren aufgenommen und das Gefühl dieser Zeit lebt beim Anhören wieder auf. Dieses Immaterielle, Unsichtbare ist mir oft mehr Wert, als die Argumente technischer Fakten.
Am Beispiel meiner alten Musikanlage könnte man jetzt argumentieren, eine neue Anlage schaffe mir mehr Freude beim Musikhören, da ich ganz klar hier eine viel bessere Klang-Qualität erwerben würde. Ich habe aber bereits - so wie es ist - schon alles.
Es gibt für mich hier keinen wirklichen Bedarf. Und: Natürlich habe ich nichts gegen hochwertige Musikanlagen.
Folgende Thesen möchte ich in den Raum stellen:
These 1 - In der gegenwärtigen konsumgeprägten Ökonomie gibt es eine ungesunde Wert-Auffassung. Vielen nur nach Wirtschaftlichkeit optimierten Produkten oder Dienstleistungen fehlt eine “Seele”. Was man von so manchem Produkt sagen kann, ist: Niemand braucht das Dings wirklich, es erfüllt nicht den versprochenen Zweck, verbraucht Ressourcen, geht viel zu schnell kaputt, bzw. ist sogar auf geplantes Kaputtgehen (impliziert ja wieder rasches Neukaufen + Konsumieren = gut für die Wirtschaft) hinoptimiert - ist letztlich nichts anderes als aufwändig produzierter Müll.
These 2 - Menschen, die in ihrer Arbeit keinen Sinn sehen, Arbeitsabläufe, bei denen nur noch hochspezialisiertes Funktionieren abgefragt und Individualität als störend empfunden wird oder Prozesse, die sich in unlogischen Strukturen festgefahren haben (was ich meine: schon mal bei einer telefonischen Hotline eines größeren Konzerns auf Problemlösungen gehofft?), können auf Dauer keine Produkte oder Dienstleistungen hervorbringen, die sinnvoll sind.
Es gab kein besonderes Ereignis, das mich zur bewußteren Konsumentin gemacht hatte. Vielleicht haben Phasen mit weniger Einkommen den Blick auf´s Sparen und auch auf´s Wesentliche geschärft. Vielleicht lag es an einigen nach und nach bemerkten Lebensmittelunverträglichkeiten, mit denen ein weiteres Hinterfragen und mühsames Studieren mancher Inhaltsstoffe begann. Oder war es das Sympathisieren mit den Ansichten des “Vereins zur Verzögerung der Zeit“, der sich z.B. gegen künstlich beschleunigte Wachstumsprozesse bei Tieren und dem Eingreifen in natürliche Reifeprozess bei Pflanzen zum Zwecke einer noch effizienteren Produktion wendet. Vielleicht waren es auch Filme wie “We Feed the World” - Essen global, die mich bewegt haben. Oder es war einfach nur mal wieder die Ent-Täuschung beim Nicht-Schmecken von Tomate nach dem Biß in ein perfekt aussehendes Double. Genau kann ich das nicht mehr sagen.
Irgendwann fing ich an, beim Kauf von Nahrungsmitteln, Kosmetika und Kleidung zu überlegen, wo, wie, wer an Produktion, Transport und Vermarktung beteiligt war. Da ich relativ wenig konsumiere, habe ich auch die Zeit, mich zu informieren. Ich gebe zu, ich bin nicht durchgängig konsequent. Das schaffe ich nicht, alles andere wäre gelogen. Aber tendenziell ist dies mein Vorgehen. Einen Anspruch auf Richtigkeit habe ich nicht, wohl aber den Wunsch nach Austausch und Reflexion.
Fogende Informationsquellen finde ich hilfreich: germanwatch, foodwatch
Folgende Bücher gefallen mir:
Fred Grimm - Shopping hilft die Welt verbessern - Der andere Einkaufsführer | Leo Hickman, Fast nackt - Mein abenteuerlicher Versuch ethisch korrekt zu leben | Tanja Busse - Die Einkaufsrevolution - Konsumenten entdecken ihre Macht
Tanja Busse beschreibt in ihrem Buch “Die Einkaufsrevolution - Konsumenten entdecken ihre Macht” im Kapitel “Der Widerstand wächst”, die Geschichte von Jonah Peretti (engl. Text), der 2001 eine Protest-E-Mail an den Sportartikelhersteller Nike schrieb und damit, ohne es beabsichtigt zu haben, zu einer Kultfigur der amerikanischen Anti-Sweatshop-Bewegung wurde. Nachzulesen im genannten Buch von Tanja Busse. Was war geschehen? Peretti hatte den E-Mail-Verkehr mit Nike an einige Freunde weitergeleitet, diese leiteten die E-Mails ihrerseits weiter und so verbreitete sich dieser Nike-Sweatshop-E-Mail-Verkehr rasant um die ganze Welt. Peretti erhielt über 3600 Mails mit Nachfragen, Ermutigungen und Beschimpfungen. Vermutlich haben über elf Millionen Menschen den Mail-Austausch gelesen. Noch immer sei er erstaunt, wie das passiert ist, schrieb Jonah Peretti 2004. Für einen kleinen Augenblick hatte er sich als politischer Konsument betätigt, ohne zu ahnen, dass er damit den schlafenden Riesen wecken würde. Mehr Informationen über Jonah Peretti in deutscher Sprache zum Nachlesen.
Solche Beispiele, wie das genannte von Jonah Peretti zeigen auch, wie sehr gerade das Internet dabei hilft, Firmen und Institutionen in die Verantwortung zu nehmen.
Im Nachgang möchte ich noch, da zum Thema passend, auf folgenden Artikel von Reto Stauss verweisen, sowie als krassen Kontrast dazu auf das Geschen anlässlich der Eröffnung der Mediamarkt-Filiale in Berlin.
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September 17th, 2007 at 7:41 am
Schöner Artikel, den Link habe ich bei Reto gefunden. Mein Thema sind ist vor allem die Ernährung. Deswegen finde ich die Tomate oben so passend. Es ist eben keine echte Tomate mehr. Es ist ein billiges Double. Da regen sich die Leute immer auf, dass Bio so teuer wäre. Ist es nicht. Es ist der normale Preis für normale Waren. Alles andere sind billige Doppelgänger.
September 17th, 2007 at 8:12 am
Hallo Horst,
Leben ohne Diät - sehr interessant Deine Erfahrungen, habe kurz mal angelesen. Ich habe zwar garkeine Probleme mit Übergewicht, wohl aber mit Unverträglichkeiten. Und ich kenne auch Leute, die sich mit dem von Dir beschriebenen Gefühl, des nie richtig satt seins, herumplagen. Werde Dein Buch mal gleich weiter empfehlen.
September 21st, 2007 at 2:55 am
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