Entspannung pur und ein alter Koffer im Keller

Es ist kaum zu glauben: wenn man mal von einigen wenigen Radtouren ins Umland absieht, bin ich ganze 3 (!) Jahre lang nicht mehr aus Berlin herausgekommen. Diese Zeit war für mich aber auch erfreulich arbeitsintensiv und irgendwie fehlte es immer am festen Entschluß für einen längeren Urlaub jenseits des eigenen Gartens und OHNE Internetverbindung.

Hinzu kam, dass ein unerwarteter Umzug aufgrund von Schimmelbefall in unserer schönen Wohnung am Stadtrand, die wir ja gerade erst bezogen hatten, zusätzlich Zeit, Geld und Energie beanspruchte. Wir haben versucht, das Beste aus der Situation zu machen und den erneuten Umzug dazu genutzt, uns von noch mehr Dingen zu trennen, die wir nicht brauchen. Carola hat kistenweise Bücher aussortiert und verschenkt. Bei mir hatten sich im Laufe der Zeit viel zu viele Ordner mit Unterlagen von Fortbildungen, die ich einmal besucht hatte, angesammelt. Auch Projekte, die ich mal betreut hatte oder solche, die im Sande verliefen, wollte ich nicht mehr in Papierform archivieren. Das Gute an dem zusätzlichen Umzug war ein weiteres Entschlacken unseres Alltagskrempels verbunden mit dem Schaffen neuer Freiräume. So erlaubt z.B. die kleinere Wohnung mit günstigerer Miete nun auch wieder gelegentliche Auszeiten aus dem Job und mehr Beschäftigung mit der Fotografie und hoffentlich bald auch wieder dem regelmäßigen Trommeln.

KofferEinen alten Koffer jedoch, schleppte ich dennoch auch bei unserem letzten Umzug wieder mit, wohl wissend, diesen dann doch nur ungeöffnet in einer Kellerecke verschwinden zu lassen. Er enthält die Schmalfilme, die meine Eltern einst gedreht hatten. Irgendwie ärgert mich dieser Koffer jedes mal, wenn er sich wieder in mein Bewußtsein schiebt, doch ihn einfach wegwerfen, dazu bin ich nicht imstande. Meine Eltern waren ziemlich verrückte Hobbyfilmer. Die Technik war damals recht kompliziert. Die Filme mußten nach dem Entwickeln noch händisch geschnitten und jeweils wieder zusammengeklebt werden und konnten nur im Nachhinein vertont werden. Welch ein Aufwand im Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten.

Von einer riesigen Regalwand im Arbeitszimmer meines Vater, der damals wohl jeden Filmschnipsel aufbewahrte, habe ich nur jene Filme mitgenommen, die mir erhaltenswert erschienen. Es sind meist kleine Episoden, vieles in Schwarz-Weiß, einiges in Farbe und zu jedem Film gibt es ein eigenes Tonband. Auch den alten Projektor habe ich noch. Das gesamte Filmmaterial konnte ich mir erst einige Jahre nach dem Tod meiner Eltern ansehen. Damit habe ich dann mehrere Tage verbracht. Eine Art Abschiedsritual, bei dem noch einmal Erinnerungen auflebten und ich am Ende ganz genau wußte, was ich loslassen kann und was ich noch bewahren möchte und so ist damals dann dieser eine Koffer mit den alten Filmen übriggeblieben.

Neulich beim Umräumen im Keller stand er wieder vor mir. Alt, staubig und mit einem Seil zugebunden. Ich glaube nicht, dass ich mir diese Filme irgendwann noch einmal ansehen werde. Dennoch erscheint es mir unangemessen, diesen Koffer einfach in den Müll zu werfen. Also fristet er weiter sein Dasein in meinen jeweiligen Kellernischen, ein Relikt aus meiner Kindheit und ganz im Widerspruch zu meinen sonst so erfolgreichen Bemühungen, mich von jeglichem Ballast zu befreien.

Noch im August war es dann endlich so weit: Wir machen Urlaub in der Mecklenburgischen Schweiz. :-) Eine Freundin wird sich um die Katze kümmern und sich der täglichen Spam-Flut (300-400 !) in meinem E-Mail-Postfach annehmen. Am 20.8. geht´s nach Trittelwitz. Zwei Tage vorher erfahren wir zufällig, dass am 16.8. gegen 4.00 Uhr früh, ein Tornado (!) über unseren Urlaubsort Trittelwitz gefegt ist. Das versetzt uns schon in Angst, da wir am 10.7.2002 bei einem Open-Air-Konzert in Berlin in einen bis zu diesem Zeitpunkt für uns unvorstellbar heftigen Orkan geraten waren. Nach den Schilderungen aus o.g. Fernsehbeitrag rufen wir vorsichtshalber bei unserer Vermieterin an. Der Landhof Trittelwitz hat das Unwetter aber gut überstanden und so starten wir in einen wunderschönen erholsamen Urlaub.

SpaziergangTrittelwitz und Umgebung bieten genau das, was wir uns als Urlaubsort gewünscht hatten. Natur pur, Weite, Felder, Wiesen, riesige alte Bäume, seltene Vogelarten, Bademöglichkeiten in der nur 5 Minuten entfernt gelegenen Peene, Wanderwege, bei Bedarf ein Paddelboot, Fahrräder und auch unser Hund ist hier mal kein Problem. Aber am Bemerkenswertesten ist für mich diese unglaubliche STILLE. Ich genieße es, in dem zur Ferienwohnung gehörenden Garten zu sitzen, in die Ferne zu blicken und mit allen Sinnen in diese Stille einzutauchen und beschließe, nicht erst wieder 3 Jahre im Großstadttrubel stecken zu bleiben, bevor ich mir solch wunderbare Erholung gönne. Hier geht es zu weiteren Urlaubs-Impressionen.

Unsere Rückkehr und das Eintauchen ins städtische Gewimmel am Berliner Hauptbahnhof fiel uns nach diesem Urlaub wirklich nicht leicht. Die Berliner Geräuschkulisse haben wir echt nicht vermisst. Wer weiß, vielleicht lauschen ja z.B. die Trittelwitzer dafür gern mal in´s Städtische Treiben hinein. Eine Möglichkeit wäre da z.B. auf der Website urbanshit.de von Rudolf Klöckner.

Diesen Artikel bookmarken bei:
del.icio.us | Mister Wong | yigg.de | co.mments.com



Einen Kommentar schreiben:

Achtung: Das Verlinken rein kommerzieller Seiten unter dem Namen ist UNERWÜNSCHT!!! Derartige Kommentare werden gelöscht.