Virtuelle Schafe

Schafe

Ich freue mich ganz besonders über den ersten Gastbeitrag in diesem Blog von C. alias Frau Maus. Frau Maus besitzt weder eine eigene Website noch ein Blog und mir fehlt jetzt hier das Web 5.0-Tool, um direkt an die Wohnungstür von Frau Maus zu verlinken. ;-) Allerdings weiß ich auch nicht, ob ihr das recht wäre. Hier also eine erste Kolumne aus dem Alltag von Frau Maus. Ich hoffe, weitere werden folgen und Frau Maus bekommt im Verlaufe dieses Experiments eventuell sogar Lust auf ein eigenes Blog. (Was ist ein Blog? via Robert) Mal abwarten…

Die Kolumne:

Vor kurzem habe ich eine Nachbarin getroffen, die ich eine Weile nicht mehr gesehen hatte. Sie erzählte mir, dass sie momentan Tag und Nacht von einem Computerspiel gefesselt sei. Manchmal vergesse sie dabei völlig, etwas zu essen oder überhaupt einkaufen zu gehen. Da sie etwas blass um die Nase aussah, dachte ich, ein wenig frische Luft würde ihr sicher nicht schaden. Mein Angebot eines gemeinsamen Hundespazierganges nahm sie auch dankbar an. Also machten wir uns mit meinem Hund auf den Weg. Der Himmel sah phantastisch blau aus, die Vögel zwitscherten und auch die Sonne meinte es richtig gut mit uns.

Trotzdem bekam meine Nachbarin plötzlich einen noch blasseren Gesichtsausdruck, blieb wie erstarrt stehen und sagte mit weinerlicher Stimme, sie müsse jetzt sofort nach Hause. Sie habe die Schafe nicht gefüttert und wenn das nicht in der nächsten Stunde geschehen würde, darf sie keine weiteren Tiere halten und auch ihren Acker nicht mehr bewirtschaften. Nachdem sie sich im Laufschritt und mit wehenden Haaren kommentarlos von mir entfernt hatte, blieb ich mit meinem Hund grübelnd zurück.

Wir leben doch mitten in der Stadt in einer ganz normalen Mietwohnung, zwar mit Balkon, aber darf man da neuerdings Schafe halten und bekommt man auch noch Bonuspunkte, wenn man diese pünktlich füttert? Von Minischweinen, die in Wohnungen gehalten werden, hatte ich ja schon gehört aber von Schafen noch nicht. Auch konnte ich mich nicht erinnern, von meiner Nachbarin jemals erfahren zu haben, dass sie einen Garten, geschweige dann einen eigenen Acker besitzt.

Wieder zu Hause angekommen, kam mir dann die Erleuchtung: sie kann nur die virtuellen Schafe in ihrem Computerspiel gemeint haben. Plötzlich kamen ganz gruselige Gedanken in mir auf. Was wäre, wenn ich meinen Hund weggeben und mir dafür lieber ein virtuelles Haustier anschaffen würde? So würde ich mir bei schlechtem Wetter die Hundesparziergänge ersparen und wenn ich mal vergesse, meinen Hund zu füttern (was mir im realen Leben natürlich noch nie passiert ist), steht auch nicht gleich der Tierschutzverein vor der Tür. Hundessteuer brauche ich auch nicht zu bezahlen, das ist doch eine schöne Vorstellung. Wenn ich dann noch bei Bedarf den Pizzaboten kommen lasse, online-banking betreibe, mir bei Krankheiten die Diagnosen von einem Online-Arzt bescheinigen lassen, Rezepte gleich über das Internet bestelle, mir Musik runterlade, die Lebensmittel per Internetdiscounter bestelle, meinen Büroarbeitsplatz in einen Telearbeitsplatz umwandeln lasse, und mir bei gelegentlichen Depressionen seelische Internet-Hilfe hole, brauche ich überhaupt nicht mehr meine Wohnung zu verlassen.

Eine Tageslichtlampe für mein Wohnzimmer und ein Radiowecker mit einer 30-minütigen Simulation des Sonnenaufgangs plus Vogelgezwitscher könnten dem ganzen eventuell noch eine weitere persönliche Note verleihen. Das Schöne dabei wäre, all diese Dinge könnte ich mir mühelos mit einem Anruf des entsprechenden Versandhauses in die Wohnung bringen lassen.

Eine Sonnenbank, die ich mir ins Schlafzimmer stelle, habe ich noch vergessen. Diese könnte dann auch gleich meine Nachbarin mit der blassen Gesichtsfarbe mit nutzen. Und wenn ich doch mal Lust auf die reale Welt da draußen haben sollte, sehe ich mir einfach Berlin oder eine andere Stadt per Web-Cam an. Um in eine romantische und gemütliche Stimmung zu kommen, könnte ich dann noch die DVD mit dem Kaminfeuer in den DVD-Player legen. Sollte sich später dann aufgrund des fortgeschrittenen Alters und der falschen Diagnosen der Online-Ärzte (vielleicht habe ich sie ja dann nur falsch interpretiert) eine Pflegebedürftigkeit meinerseits einstellen und der Pflegeroboter bis dahin noch nicht erfunden sein, muss ich mir dann doch eine Hauskrankenpflegerin in die Wohnung holen. Das setzt natürlich voraus, dass meine seelische Befindlichkeit bis dahin nicht schon zu sehr durch die Internetseelsorge Schaden genommen hat, weil vielleicht meine virtuelle Therapeutin doch nur eine Maschine war.

Dann darf ich auch nicht gleich verzweifeln, ein virtueller Selbstmord kann mich ja vielleicht noch in das reale Leben zurückholen.

Plötzlich stupst mich mein Hund an und mir fällt ein, ich bin ja heute noch mit zwei weiteren Hundebesitzerinnen zum Spaziergang verabredet, also schnell raus aus der Wohnung und rein in die Natur, ganz real. Eine Begegnung mit anderen virtuellen Hundebesitzern und einem gemeinsamen Hundespaziergang auf einer virtuellen Hundewiese möchte ich mir nun nicht mehr vorstellen. Ob ich meine Nachbarin allerdings noch einmal zu einem Hundespaziergang überreden kann, weiß ich nicht. Aber mache ich mich nicht sogar strafbar, wenn ich es nicht tue? Vielleicht sollte ich ihr als Anreiz für einen gemeinsamen Spaziergang im realen Leben anbieten, mal ihre virtuellen Schafe zu füttern.

(Foto:stockexpert.de)

6 Gedanken zu „Virtuelle Schafe

  1. Eben virtuelle Sparhunde auf Ziergängen. Das kann nicht gesund sein. :-) :-)
    Fast mag ich ihn gar nicht korrigieren, diesen Tippfehler. Ich frag mal heute Frau Maus, was sie meint. ;-)

  2. Ich finde den Text ziemlich amüsant, vor allem wenn man bedenkt, dass es mittlerweile wirklich viele Leute gibt, die so denken! Die Planen sich ihren Tagesablauf schon richtig so ein, dass sie rechtzeitig zum füttern ihrer schäfchen und ernten ihrer felder kommen und was weiß ich was. Darf man gar nicht genauer darüber nachdenken, die sind ja dann schon richtig süchtig von so einem Spiel, echt arg das der Computer die Oberhand gewinnt.

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