Besinnliches Beisammensein oder hektisches Nichts?
(angeregt durch „Miteinander reden?“ sowie weitere Betrachtungen Claudia Klingers zum alljährlichen Weihnachtsfest.)
„In den Bereich des Zusammenseins gelangen - das ist es wohl, was wir mittels des Sprechens wollen, aber durch bloßes Gerede allzu oft selbst verhindern.“
Das erinnert mich an eines dieser frustrierenden Familientreffen irgendwann um die Weihnachtszeit. Es schien für solche Treffen immer dieselbe Regieanweisung zu geben, nach der sich alle Beteiligten völlig albern bewegten. Ich besuchte solche Veranstaltungen, wenn überhaupt, nur mit größtem Unbehagen als Pflichterfüllung, weil mir andernfalls ärgerliche Auseinandersetzungen drohten.
Ich habe einfach keine Lust auf solche festgefahrenen Rituale wie z.B. ein Weihnachtsfest mit Geschenken, die eigentlich niemand braucht. Selbst dieses feierliche Getue beim Zusammensitzen bei Kaffe und Kuchen um teure Sammeltassen geht mir tierisch auf den Geist. Es fühlt sich für mich so an, als versuchten alle Beteiligten damit einen längst verflogenen Glücks-Zustand herbei zu zelebrieren. Und das gelingt natürlich nicht.
Das Leben ist nicht statisch. Auch solche einmal erlebten, damals vielleicht wirklich festlichen Momente lassen sich weder konservieren, noch sind sie beliebig reproduzierbar.
Die Gespräche bei solchen Treffen liefen dann oft auch eher völlig aneinander vorbei. Niemand wollte den anderen zu tief berühren oder vom anderen berührt werden!? - Kein Wunder, dass keiner wusste, womit man dem anderen wirklich eine Freude machen konnte. Bei Themen, in denen ich irgendein Ereignis mal aus meiner Sicht beschrieb, mit den mir eigenen Regungen und Zweifeln, bekam ich sofort die „allgemeine Weltmeinung“ als Antwort präsentiert. Oder es entstand ein peinliches Schweigen. Oh Gott wie öde. Wie mich das langweilt.
Es war immer ein Dilemma mit diesen Familientreffen. Da war immer wieder dieses Fragen und Bitten, ob ich nicht auch kommen wolle, aber eigentlich sollte ich doch nur Statist sein für Gespräche, die bestenfalls den Raum in akustische Schwingungen* versetzten. Am Ende waren alle irgendwie unzufrieden, ein Gefühl der Leere kam auf.
Einsamkeit entsteht immer dann, wenn ich mit Menschen zusammen bin und es keinen einzigen Anknüpfungspunkt zwischen uns für irgendetwas gibt. Und der “Fluchtweg” versperrt scheint. Wir treffen uns, weil wir irgendwelche Verpflichtungen oder Erwartungen bedienen. Manchmal frage ich mich dann, ob wir vielleicht zu wenig nach Anknüpfungspunkten suchen. Es ist mir seit Jahren zudem ein Rätsel, wieso solche (Familien)- “Treffen” immer und immer wieder zustande kommen, auf denen wirkliche Begegnungen gar nicht stattfinden können.
Ralf formuliert es an anderer Stelle einmal so; für mich sehr treffend:
“Wenn ich allein bin, fühle ich mich nie einsam. Einsamkeit spüre ich nur, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin. Und nicht weiß, was mich mit ihnen verbindet. Einsamkeit spüre ich auf nahezu jeder Familienfeier.”
Heute bin ich froh, dass ich mich diesen Ritualen weitestgehend entziehen kann und die Zeit um Weihnachten und den Jahreswechsel immer sehr entspannt mit lieben Menschen und interessanten Gesprächen verbringe. Ich wünsche Euch allen, einen schönen Jahreswechsel.
In der S-Bahn habe ich dieser Tage einen Bayern getroffen, der auf der Suche nach irgendwelchen Bergen(!) hier in Berlin war. Er sagte immer wieder, irgendwie müsse man ja die Zeit überstehen und er vermisse seine Berge. Zum Schluss der Bahnfahrt hat er mir noch Frohe Ostern gewünscht, die seien ja auch bald. Es war ein sehr amüsantes Gespräch, eine kurze Begegnung, nicht nur Vibration* im Raum.
*„Die Tore der Worte haben sich sperrangelweit pathologisch geöffnet, und die Logorheia des Geredes überschwemmt die Gegend. Man redet, weil man verlernt hat zu sprechen, und man hat es verlernt, weil es nichts zu verschweigen gibt: die Worte haben ihre Strahlen verloren…
…[Ergänzung: was bleibt ist die] Bewegung der Mundorgane, welche die Luft auf Marktplätzen, in TV`s und Vortragshallen zum Vibrieren bringt,…“
Zitat: Vilém Flusser, Philosoph
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