Du hättest darüber bloggen sollen…

schreibt gerade ein Leser als Kommentar unter diesen Artikel den ich rückblickend auf ein Ereignis aus dem Jahre 2001 geschrieben habe.

Was war geschehen? Hier die Kurzfassung: Ich wohnte damals in Berlin-Mitte in einer kleinen Neubauwohnung. Mitten in der Nacht werde ich durch einen Feuerwehreinsatz geweckt. In der Wohnung über mir wurde ein Toter gefunden, der dort schon mehrere Wochen gelegen haben muß. Niemand hat diesen Mann vermißt. Auch fiel noch während des Feuerwehreinsatzes das Wort Seuchengefahr. Mehr erfahren wir Mieter in dieser Nacht aber nicht. Was uns noch in den darauffolgenden Tagen und Wochen zu Schaffen macht, ist der Umstand, dass die Wohnung des Verstorbenen nicht sofort desinfiziert wurde. Hausverwaltung, Hausmeister, Polizei, TBC-Stelle und Hygieneamt sagen gleichermaßen, sie seien hier nicht zuständig.

Die Wohnung wird in so einem Fall versiegelt und nur die Erben können eine Erlaubnis zur Räumung erteilen. So vergehen mehrere Tage, in denen sich Fliegen und Maden, die sich schon beim Eintreffen der Feuerwehr in der Wohnung befunden hatten, in die Nachbarwohnungen verteilen. Auch in meiner Wohnung werden es täglich mehr Fliegen und auch Maden. Da sich tagelang niemand zuständig fühlt (es ist Vorweihnachtszeit), reiße ich meinen Teppich raus, in dem sich die Maden tummeln, kapituliere und ziehe vorübergehend zu einer Freundin. Das Ganze hat mich damals schon einige Nerven gekostet.

Du hättest darüber bloggen sollen. 2001 hatte ich weder eine Blogsoftware noch eine Digitalkamera. Dennoch kann ich mich erinnern, dass ich bis zum nächsten Morgen mit fremden Leuten über dieses Geschehen gechattet hatte, weil ich einfach keine Ruhe fand und nicht schlafen gehen konnte. Freunde und Verwandte wollte ich nachts nicht wecken.

Hätte ich damals schon die heutige Blog-Technik im Einsatz gehabt, vielleicht hätte ich in meiner Hilflosigkeit das Ganze dokumentiert in der Hoffnung, über diesen Weg ein Handeln der zuständigen Stellen zu bewirken.

Was meint Ihr? Kann man in solchen oder ähnlichen Situationen etwas erreichen, indem man darüber authentisch bloggt?

5 Gedanken zu „Du hättest darüber bloggen sollen…

  1. Erreichen glaube ich nicht. Man kann sich Hilfe holen. Hilfe sein Mitteilungsbedürfnis zu stillen. Wenn man in solchen Fällen etwas erreichen möchte, muss man vor dem Bloggen Gas geben. Nämlich sich um Menschen kümmern.

    Ich will damit weder jemanden anprangern, noch ins Gewissen reden. Aber was weiß man schon von seinem Nachbarn? Man kommt von der Arbeit und kümmert sich in der verbleibenden Zeit um die eigenen Belange.

    Ich hatte mal eine Nachbarin, die schon jahrelang Alkoholikerin war. Sie war das natürlich nicht zum Spaß, sondern weil sie Probleme mit ihrem Leben hatte. Ab und an kam ich mit ihr ins Gespräch, war aber auch froh, wenn ich das hinter mir hatte. Es ist schon seltsam. Einerseits spricht diese soziale Wesen in mir „Kümmere Dich um sie“, andererseits spricht der Egoteufel „Komm, Du musst Dich heute noch … fertig machen“.

    Es gibt nur wenige Menschen, die sich für andere aufgeben. Es reicht aber, wenn man den Menschen ab und an das Ohr leiht und sich Ihre Probleme oder Geschichte anhört.

  2. Hallo !
    Du hättest wahrscheinlich durch das Bloggen dieses Themas damals nichts erreicht.
    @Georg:
    Manchmal lassen sich die Leute im Haus auch nicht helfen. Ich hatte das Glück eine Nachbarin zu haben für die ich jahrelang die Hausordnung machte und auch mal mit ihr quatschte, dafür versorgte Sie meine Blumen und ihr Kuchen schmeckte einfach lecker. Da Sie keine Verwandten hatte war ich eben ihr Ansprechpartner. Einkaufen, Behördengänge und vieles mehr habe ich ihr abgenommen. Kurz vor ihrem ableben schenkte Sie mir 5000 Euro mit der Bitte ihr Begräbnis zu bezahlen und den Rest solle ich mir behalten. Na, ja ich hätte auch alles für die Beerdigung ausgeben können, aber mit einem mal kam das Schwein in mir zum Vorschein und ich tat mir 1300 Euro behalten. Das ist genau die Summe die ich dringend benötigte. Da habe ich mich schon ein bisschen geschämt. Kurz darauf lernte ich meine jetzige Partnerin kennen und zog dort weg. 1 x im Monat rufe ich verschiedene ehemalige Bewohner an und rede (dank Flate) ca. eine Stunde mit ihnen.
    Also mit den Leuten im Haus sollte man schon mal reden.
    Gruß Axel
    @Autor:
    Das mit den Maden ist schon eine riesen Sauerei. Vieleicht hätten die reagiert wenn Du eine Büchse voll gesammelt hättest und sie denen ins Büro geworfen hättest. Was soll`s, ist eh zu spät.

  3. @Georg (2) 😉
    Ich habe während dieser Zeit im Hotel und bei einer Freunding gewohnt, bin täglich in die Wohnung gefahren, um dort die vollen Fliegenbänder, die ich überall aufgehangen hatte, zu entsorgen, mich mit den Nachbarn auszutauschen. Eine kleine Entschädigung für den Teppich, von dem ich mich ja wegen der darin wohnenende Maden getrennt hatte, sowie eine Mietminderung für diesen Zeitraum habe ich ein Jahr später bekommen, da ich einen Anwalt eingeschaltet hatte. Wir mußten alle zum TBC-Test, war aber glücklicherweise alles okay. Und ich bin dann auch ziemlich schnell dort ausgezogen. Der Kammerjäger wurde definitiv viel zu spät beauftragt. Da wollte wohl keiner die Kosten tragen. Fliegen und Maden konnten sich dadurch schnell übers Treppenhaus und die Lüftungsschächte in die anliegenden Wohnungen verteilen. So wurde es erst richtig eklig und auch noch viel teurer. An diese Zeit denke ich wirklich nicht sehr gerne zurück.

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