Web 2.0 für chronisch Kranke - eine Chance?
Krankheit ist noch immer ein Tabuthema. In einer Arbeitswelt, deren Abläufe immer mehr auf Effizienz ausgerichtet sind, bleiben Menschen mit chronischen Erkrankungen nicht selten “auf der Strecke”. Bei der Jobsuche konkurrieren sie oft mit wesentlich jüngeren und gesunden Mitbewerbern um einen Arbeitsplatz. Selbst im Schutz einer unbefristeten Festanstellung werden sie nicht selten rausgemobbt, sobald sie krankheitsbedingt länger ausfallen. Derartige Ausgrenzung und Stigmatisierung sind wiederum keine günstigen Voraussetzungen dafür, die notwendigen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Das, was ich hier beschreibe ist das Worst-Case-Szenario. Sicher gibt es auch günstigere Arbeitsumgebungen. Nur, ist es nicht leicht, diese zu finden oder sich selbst zu schaffen. Könnten nicht die Vernetzungsmöglichkeiten von Web 2.0 dabei helfen, solche positiven Beispiele sichtbarer zu machen?
Ich selbst plage mich auch gelegentlich mit chronischen Beschwerden herum. In meiner Berufstätigkeit habe ich mit krankheitsbedingten Ausfällen und den damit zusammenhängenden Problemen in einer Festanstellung sowohl gute wie auch weniger gute Erfahrungen gemacht. Von sofortiger Kündigung bis zum Schaffen von flexiblen Arbeitszeiten für mich und meine Situation (wenn ich nicht kann, bleibe ich zu Hause und arbeite dafür zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtzeit nach) habe ich einiges kennen gelernt.
Auch scheint es einen Mangel an wirklich guten Vermittlungsangeboten von Arbeitsplätzen für Menschen mit Einschränkungen zu geben. Oder irre ich mich da? In meinen Augen fehlt da ein lebbarer Raum für Integration und Emanzipation, jenseits von Behindertenwerkstatt und per Gesetz verordneter Duldung am Arbeitsplatz. Ich lasse mich da gern anhand von positiven Beispielen eines Besseren belehren.
Was hat das jetzt mit Web 2.0 und Vernetzung zu tun?
Im Internet wimmelt es nur so von Plattformen, auf denen in irgendeiner Form Angebot und Nachfrage zusammen kommen. Könnte man nicht eine soziale Vermittlungsplattform ins Leben rufen, auf der Arbeitgeber besondere Arbeitsplätze für Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen anbieten?!
Ich unterstelle jetzt einfach mal, dass es durchaus Firmen und Arbeitgeber gibt, die hier mehr tun wollen, als der Gesetzgeber vorschreibt. Firmen und Arbeitgeber, die durchaus eine soziale Verantwortung übernehmen wollen und gern auch Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen entsprechend ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten einstellen würden und auch langfristig behalten wollen. Wie oben schon gesagt, positive Beispiele bitte gern hier posten. Ich würde dafür eine extra Linkliste anlegen.
Diese Firmen könnten dann in der Öffentlichkeit über ihr soziales Engagement berichten. Genauso könnten jene, denen ein solcher Arbeitsplatz angeboten wurde, darüber berichten, wie es ihnen damit geht. Mit Hilfe des Internets könnte man solche positiven Beispiele zunächst sammeln und auf einer Website auflisten, dort die Firmen mit ihrem konkreten Engagement benennen und von Zeit zu Zeit nachfragen, was daraus geworden ist und wieder darüber berichten. Im Laufe der Zeit würde daraus ein Pool mit positiven Beispielen und Diskussionen zum Thema entstehen, was wiederum zu einer Enttabuisierung des Themas Krankheit oder Behinderung einen entscheidenden Beitrag leisten könnte. Mehr Menschen, die derzeit versteckt chronisch krank leben (müssen), aus Angst vor Stigmatisierung oder Verlust des Arbeitsplatzes, könnten dadurch ermutigt werden, offen über ihre Erkrankung zu reden. Alle könnten lockerer mit diesem Thema umgehen. Wer ist denn schon sein Leben lang gesund? Chronisch Kranke brauchen sich nicht mehr zu verstecken und Unternehmen und Arbeitgeber bekommen die Chance konkret soziale Verantwortung zu übernehmen und dies auch deutlich sichtbar nach außen zu zeigen. Das wäre doch mal ein schönes Zeichen freundlicher Akzeptanz menschlicher Unvollkommenheit.
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November 7th, 2008 at 10:11 am
Wäre natürlich eine feine Sache, wenn das klappt. Die moderne Informationstechnologie mit UMTS etc. macht es natürlich einfacher, auch von zu Hause aus zu arbeiten. Da besteht Hoffnung für chronisch Kranke, die vom Bett oder eben von zu Hause aus arbeiten. Jetzt braucht es nur noch Firmen, Agenturen, etc. die da mitmachen.
Anm. der Blogbetreiberin: Den Link, den Du angegeben hast, habe ich gelöscht. Sollte die Firma, für die Du hier offensichtlich Werbung machen wolltest, bei der Schaffung von Arbeitsplätzen für Menschen mit chronischen Erkrankungen konkret und nachhaltig aktiv werden, würde ich nicht nur hier darüber berichten. Auch geht es eher darum jenen, die vielleicht stundenweise arbeiten können und wollen, eine menschenwürdige Alternative jenseits von Frührente, Ausgrenzung, Kriminalisierung durch Schwarzarbeit und HartzIV zu bieten. Sieht Deine Firma hier Anknüpfungspunkte?
November 7th, 2008 at 10:37 am
Einen Mitarbeiter namens Charles Mutze gibt es bei der Firma, die sich unter obigem Kommentar verlinken wollte, natürlich nicht. Wiedermal “Marketingstrategen”, die die Möglichkeiten des Internets nicht verstanden haben!
November 7th, 2008 at 10:54 am
Ich selbst sehe das Web 2.0 genauso als Chance für chronisch Kranke wie viele andere Dinge in der IT!
Auch wenn das ganze beim ersten lesen wie die Werbung von “Charles Mutze” zu klingen scheint: Ich kenne mehr als eine Firma, die Aufträge an chronisch Kranke Personen vergeben hat bzw. vergibt. Hin und wieder muss man kreativ sein um das ganze durchzusetzten, aber auch mal als Strohmann fungieren, aber für mich zählt der Erfolg
Vor kurzem haben wir wieder mal genau sowas gemacht: Wir (ein zweiter Consultant und ich) haben dafür gesorgt, dass wir einen Software Auftrag bekommen und haben diesen dann (quasi intern, aber mit wissen des Auftraggebers) an eine Person vergeben, die den Auftrag sonst nie bekommen hätte. Diese Person ist wirklich chronisch Krank und abgesehen von Besuchen im Krankenhaus und beim Dok, immer zuhause! Aber diese Person ist ein absolut toller Developer und nur weil er gesundheitlich die letzten Jahre extremes Pech hatte, ist das für uns kein Grund ihn nicht weiter mit Arbeit zu versorgen.
Mir ist klar, dass das ganze für uns nicht immer ohne Risiken ist, aber ich persönlich bin der Meinung das es diese Risiken absolut wert ist.
Wir haben das bis jetzt selbst nie als soziales Engagement gesehen, mehr als normal und fair
November 7th, 2008 at 11:30 am
[…] wegen eines aktuellen Themas das mich persönlich extrem interessiert, werde ich das wohl jetzt mal in Angriff nehmen… […]
November 7th, 2008 at 11:31 am
Werbung von C.M.? Mit Verlaub C. M. oder wer auch immer in Wirklichkeit dahinter steckt, setzt hier erste einmal nichts weiter als eine Duftmarke ohne Inhalt. Davon gibt es wirklich schon genug online und offline. Das ist Schade! Wer konkret etwas tun will, kann gern mit mir in Kontakt kommen. Auch Herr M.
@Joerg Eure konkrete Unterstützung finde ich super. Ja, das sollte auch normal möglich sein. Wie Du selbst beschreibst, braucht es dafür aber einiges Geschick. Hier fehlen gesetzliche Rahmenbedingungen. Es geht ja langfristig gesehen nicht um einmalige Aufträge, sondern existenzsichernde Integration und selbstbestimmtes Leben von Menschen, die aufgrund einer Erkrankung nicht mehr Vollzeit arbeiten können.
November 7th, 2008 at 12:09 pm
@Ina: Gesetzliche Rahmenbedingungen wären bei einigen sicher hilfreich. In unserem Fall kann ich verstehen, wenn ein Auftraggeber sich nicht so recht traut! Wenn es um Software geht, hat er immer das Problem: Was passiert, wenn der Auftragnehmer nicht mehr arbeiten kann? Damit meine ich nicht zwingend dauerhaft: Was, wenn ein Fix benötigt wird und zwar dringend und der Auftragnehmer dann nicht liefern kann?
Und als Mittelsmann ist dieses Risiko sehr wohl bekannt und bewusst! Ich bin so neben der Spur, dass ich mit vollem Wissen ein solches Risiko eingehe, aber aus Sicht eines Unternehmens, das unter Umständen auf eine schnelle Lieferung angewiesen ist, kann ich eine Ablehnung verstehen! Auch wenn ich ganz persönlich es schade finde!
November 7th, 2008 at 6:28 pm
Es müsste Anreize geben, damit Firmen mehr Menschen mit chronischen Erkrankungen offiziell beschäftigen können und dieses Ausfallrisiko getragen werden kann, ohne dass man auf Schwarzarbeit zurückgreifen muss oder sich irgendwelcher Tricks bedienen muss.
Ein Weg könnte da durchaus sein, dass man über das positive Engagement solcher Firmen berichtet. Solch ein Engagement muss langfristig sein und sollte eine versicherungspflichtige Anstellung ermöglichen. Mal kurz ein befristeter Job ist gut gemeint, löst aber nicht die Existenzsorgen von Menschen, die aufgrund einer Erkrankung nach 1,5 Jahren von der Krankenkasse „ausgesteuert“ werden oder, die irgendein Bürokrat aber dennoch für arbeitsfähig hält und die dann erst einmal Hartz IV beantragen müssen, weil z.B. der Rentenantrag abgelehnt wurde. Über den Weg der Schwarzarbeit werden alle Beteiligten kriminalisiert, wo es doch eigentlich um einen normalen und fairen Umgang geht. Letzteres ist auch keine zufriedenstellende Lösung. Ich finde auch, dass hierfür die Rahmenbedingungen fehlen.
November 19th, 2008 at 11:57 am
Du hast nach Links und Beispielen gefragt. Auf http://www.kein-handicap.de/ gibt es zumindest den Versuch einer Jobbörse. Über erfolgreiche Vermittlungen und authentische Berichte von Menschen mit einer Behinderung und auch Firmen, die solchen Menschen eine sinnvolle Beschäftigung geben, habe ich aber nicht viel gefunden. Ich denke, dass es dazu so wenig Öffentlichkeit gibt liegt auch daran, dass dies kein Thema ist, mit dem man sich normalerweise beschäftigt. Wohl doch eher nur dann, wenn man selbst oder im Familiene- und Freundeskreis damit zu tun hat. Über Krankheit oder Behinderung und die damit verbunden Probleme oder Sorgen schreibt keiner was und will auch keiner was lesen, obwohl ja eigentlich jeder davon betroffen sein könnte und obwohl es sicher auch viel Positives zu berichten gäbe.