Begegnungen am virtuellen Küchentisch

facebook-foto-jabkaDies ist ein Gastbeitrag von Christina Pautsch. (Der Text wurde übernommen von bloggerpatenschaften.de, da dieses Blog eingestellt wurde.)

Damals, 1998, war es Liebe auf den ersten Blick: Ich war gerade im letzten Jahr auf der Schule und hatte mit Computern wenig am Hut. Doch als ich mit 18 das Internet „betrat“, zog mich diese bunte, klickbare Informationswelt mit einem Mal in ihren Bann. Seit damals hat sich das Internet enorm verändert. Meine Leidenschaft aber ist geblieben.

Bereichern und bereichert werden

Einer der Schlachtrufe der damaligen Aufbruchszeit lautete „Everyone is a publisher!“ Dank der unzähligen kostenlosen Blog-Dienste ist dies heute endlich Wirklichkeit. Es erfüllt mich mit großer Freude, Blogs über die eigentümlichsten Themen zu lesen, mich von ihnen inspirieren zu lassen und alltäglich mitzuerleben, wie uns das Internet eine große Portion an Freiheit schenkt.

Mein eigenes Blog nutze ich momentan wie ein öffentliches Tagebuch. Ich sammle darin Gedanken, Fundstücke und Beobachtungen, die sonst nirgendwo ihren Platz finden. Natürlich könnte ich dies auch im Verborgenen tun. Durch die öffentliche Präsenz jedoch gebe ich auf meine Weise auch anderen die Möglichkeit, inspiriert und bereichert zu werden. Geben und nehmen. Je mehr dieses Prinzip im Internet verwirklicht wird, desto bunter und spannender wird es.

Willkommen am virtuellen Küchentisch

Als vor ein paar Jahren das Web 2.0 aufkam, begann für mich eine neue Ära, was die Internet-Nutzung betrifft. Während ich das Netz vorher vor allem zur Recherche, zur Weiterbildung und zum Austausch per Email nutzte, wurde es mit einem Mal zu einer Parallelwelt, in der sich soziales Leben ansiedelte. Auf meine kleine Facebook-Gemeinde zum Beispiel, die für mich jederzeit erreichbar ist und mich jeden Tag aufs Neue mit irgendetwas überrascht, möchte ich heute nicht mehr verzichten.

Natürlich sind die meisten meiner Facebook-“Freunde“ keine Freunde im klassischen Sinne und ich wäre dankbar, wenn man endlich ein neues Wort für sie erfinden würde. Viele meiner Bekanntschaften dort sind Menschen, denen ich nur einmal flüchtig begegnet bin. Doch während ich auf Veranstaltungen oder Seminaren nie die Zeit habe, die dort entstehenden Kontakte zu vertiefen, lerne ich die Menschen über Facebook in den Wochen danach etwas besser kennen. Dort teilen sie mit mir Dinge, die sie interessieren, geben mir Denkanstöße und nehmen Anteil an den Dingen, die mir durch den Kopf gehen. Ich müsste viele Jahre mit all diesen Leuten Kaffee trinken gehen, um das auf analogem Wege zu bewerkstelligen, was Facebook in einem Monat schafft. (Kaffee trinken gehe ich natürlich trotzdem noch. Zum Beispiel nachdem ich mich auf Facebook dazu verabretet habe.)

Früher wären diese flüchtigen, aber oft wertvollen Begegnungen im Sande verlaufen. Dank Web 2.0 habe ich heute die Möglichkeit, mehr Kontakte substantiell zu pflegen und meinen Horizont durch sie erweitern zu lassen. Je unbekannter mir die Leute im „realen“ Leben sind, desto spannender sind oft die virtuellen Begegnungen. So führe ich heute auf Facebook manchmal ganz überraschend kleine politische Debatten mit jemandem oder setze mich mit Leuten über aktuelle gesellschaftliche Themen auseinander, was mir lange Zeit in meinem analogen Umfeld unmöglich war. Netzwerke wie Facebook und Twitter sind für mich so etwas wie ein virtueller Küchentisch: Man findet zusammen, teilt kleine und große Ereignisse des Alltags und plant – zu entsprechender Stunde – auch schon mal die Rettung der Welt.

Topf findet Deckel

Das Internet ist für mich heute ein dicht gewobenes Netz von Beziehungen zu Menschen, deren Gedanken ich schätze, an deren Leben ich teilhaben möchte und auf deren Urteil ich vertraue. Wer diese Menschen sind, entscheide ich selbst. Immer wieder stehe ich im analogen Leben vor der Herausforderung, jemandem erklären zu müssen, warum Facebook, Twitter & Co. so unersetzlich für mich sind. Warum sie nichts mit Oberflächlickeit, zynisch-kaltem Networking oder narzisstischer Selbstdarstellung zu tun haben. Das ist nicht immer einfach zu erklären. Denn die neuen Formen des sozialen Miteinanders im Netz sind mit nichts in unserer vorherigen Welt vergleichbar.

Welche langfristigen Veränderungen diese Begegnungen mit sich bringen, lässt sich langsam erkennen: Aus den sporadischen Kontakten entstehen ernst zu nehmende Interessensnetzwerke, die Projekte gebären, sich zu neuen Vorhaben zusammenfinden, Aufträge vergeben und damit auf kurzem Wege das zusammenbringen, was zusammen passt.

Wenn ich mich auf Facebook über meinen kaputten Warmwasserboiler beklage, über Twitter auf einen interessanten Artikel verweise oder irgendeinen halbgaren Gedanken in meinem Blog ausformuliere, dann ist all das in erster Linie natürlich privat motiviert. Dennoch sind die dadurch entstehenden, äußerst lebendigen Beziehungsnetze für mich auch als Selbständige von unschätzbarem Wert. Beim digitalen Austausch verschwimmen oft die Grenzen zwischen privater und beruflicher Welt, Lebensbereiche überlagern und befruchten sich und schaffen eine Symbiose, die es erlaubt, einfach zu „sein“ – so wie man ist: authentisch, neugierig, menschlich und erfrischend unperfekt.

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